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29.02.2012

 

Boris Mikhailov : Time is out of joint. Fotografien 1966–2011. Eine heitere Retrospektive über Alltag, Kitsch, Experimentelles und die Kritik an der Sowjetunion.

Die Berlinische Galerie zeigt eine als Werkschau konzipierte Ausstellung mit Arbeiten des ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov (* 25. August 1938 in Charkow). Gezeigt werden seine experimentellen Bilder früherer Jahre sowie die zuletzt in Berlin entstandenen Werke.

Boris Mikhailov kam Ende der 1960er Jahre erstmalig mit der Fotografie in Berührung. Nachdem der russische Geheimdienst auf von ihm gemachte Aktaufnahmen seiner Frau stieß, wurde der Ingenieur wegen Pornografie entlassen und konzentrierte sich fortan auf die Fotografie.

Er fotografierte Menschengruppen und Alltagssituationen von Sowjetbürgern, nicht gesellschaftskritisch, das sollte erst später geschehen. Zwischen 1968 und 1975 fertigte er seine "Rote Serie". Die Farbe stand in der UdSSR für die Oktoberrevolution und die sozialistische Gesellschaftsordnung und hier findet man bereits erste, kritische Elemente gegenüber den gesellschaftlichen Bedingungen in der damaligen Sowjetunion.

"Das Leben war ärmlich und die Menschen sehnten sich nach dem Schönen. Es gab nur wenige Farbefotos, überhaupt gab es wenige Fotos damals. Also habe ich begonnen, meine eigenen Fotos zu kolorieren. Es ist Kitsch. Wenn man aber Kitsch in das Sowjetische hineinbringt, wird es dadurch ironisch kommentiert. Damit eröffnete sich die Möglichkeit, eine Situation zu dokumentieren mit der man einverstanden war oder nicht," so der Künstler in einem Interview mit Arte im vergangenen Jahr.

Seit seinen fotografischen Anfängen Mitte der 1960er Jahre hat Boris Mikhailov ein breites und beeindruckend vielschichtiges Werk geschaffen. Virtuos hat er in den Jahren verschiedenste Möglichkeiten des Mediums ausgeschöpft und ein ebenso schonungsloses wie humorvoll-ironisches Bild seiner unmittelbaren Umgebung gezeichnet. Seine immer neue Auseinandersetzung mit fotografischen Techniken sowie die Arbeit mit verschiedensten Kameras und Stilmitteln, aber auch das Changieren zwischen konzeptuellen Arbeiten und dokumentarischen Herangehensweisen machen ihn zu einem der interessantesten Künstler der Gegenwart.

In seiner Serie "Case History" wendet er sich den menschlichen Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu und fotografierte Obdachlose. Diese rund 500 Arbeiten zeigen die Situation von Menschen, die angesichts des Zusammenbruchs der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht mehr auf soziale Sicherungssysteme zurückgreifen können. Seine oft als entblößend empfundene Herangehensweise zeigt sie die Schattenseite der Perestroika in seiner Heimatstadt.

Das Freizeitvergnügen der Sowjetbürger zeigen dagegen „Crimean Snobbery“ und „Salt Lake“. Während beim Strandleben an der Krim die besser Betuchten für den Fotografen posieren, tummeln sich die einfachen Menschen im Wasser und am Ufer eines Sees, in den aus großen Röhren die Abwässer der umliegenden Industrieanlagen fließen.

Im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Akademischer Austauschdienst kommt er 1996 für vier Jahre nach Berlin und pendelt seitdem zwischen Charkow und Berlin.

Boris Mikhailov - Time is out of joint. Fotografien 1966–2011
24.02.–28.05.2012


Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin
www.berlinischegalerie.de