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17.04.2012

 

Mann = Kunst und Frau = Kunst & (pardon) Gewerbe ? Das Buch Women in Graphic Design/Frauen und Grafik-Design 1890-2012

Während Frauen in der Gesamtwirtschaft mit lediglich 7% als Selbständige verzeichnet sind, lag der Anteil der Gruppe der Selbständigen 2008 in der Kreativwirtschaft bei zwischen 40 und 44%. Das Arbeitsfeld Grafik- und Kommunikationsdesign machte dabei einen der bedeutendsten Teilbereiche aus.

Wie nun ist die Geschlechterfrage unter gesellschaftlichen Bedingungen zu beurteilen, in denen sich viele Ziele der historischen Frauenbewegungen anscheinend eingelöst haben? Also Frauen-Quote ade?

Klar, besonders Frauen fühlen sich vom Bereich der Kreativwirtschaft angezogen. Die Arbeit ist meist abwechslungsreich und fördert durch ihre Struktur die Persönlichkeitsbildung. Da die meisten Kreativen selbstständig sind und/oder als free lancer arbeiten, können sie ihre Arbeitszeit flexibler gestalten, wodurch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf größere Chancen als in traditionellen Berufen hat.

Wie alle der insgesamt 12 Interviews mit Designerinnen im Band „Women in Graphic Design/Frauen und Grafikdesign 1890-2012“ zeigen, erfordert der Beruf den vollen zeitlichen Einsatz - von jedem, also auch von Frau.

Interessanterweise spielen Frauen - trotz "sehr guter Ansätze" so gut wie keine Rolle in der Designgeschichte - hier geht der Starkult nicht nur tendenziell in eine Richtung : die des Mannes.

Und die Designerverbände, die in ihrer Mitgliederstruktur eine Auswahl der Besten treffen, und somit ihre eigene "hall of fame" inszenieren - spiegeln diese traditionellen Denk- und Wahrnehmungsstrukturen wider. Ein Blick in die Mitgliederlisten des Art Director’s Club in Deutschland oder der Alliance Graphique Internationale (AGI) lässt Geschlechtergleichheit als PR- bzw. Werbe-Gag erscheinen.

Ist dieser tendenzielle Ausschluss, in denen es um die Ehre geht, ein unreflektiertes und bedeutungsloses Relikt alter Zeiten - oder reproduziert er Strukturen, die sich im Kern nicht geändert haben?

Legen Frauen weniger Wert auf die Verwirklichung ihrer Persönlichkeit, auf Ruhm und Ehre, wie dies tatsächlich einige Grafikdesignerinnen in den Interviews des Bandes nahe legen? Männer gleich Avantgarde und Frau im gleichen Beruf Pinsel-Masseuse? Männliche Kreativität trifft auf die "Kollegin aus dem Kunstgewerbe"?

Der Band versucht anhand einer Reihe von wissenschaftlichen Beitragen, Interviews mit GrafikdesignerInnen und Kurzmonografien diesen Fragen nachzugehen. Grundsätzliches Ziel des Projektes ist es auch, Grafikdesign als eine eigenständige Berufsgruppe zu untersuchen.

Da Frauen- und Geschlechterforschung fast ausschließlich in benachbarten Berufsgruppen wie der freien Kunst, der Architektur und im Produktdesign stattfand, soll dieser Band ein Einstieg in die Besonderheit dieses Berufsfeldes sein.

Zugleich will die Untersuchung das - so die Autorinnen - weitverbreitete Vorurteil von der "geringen Professionalität von Grafikdesignerinnen" widerlegen, das der Grund dafür war, dass Frauen in der Rezeptionsgeschichte so wenig Beachtung fanden. Der Schwerpunkt der Auswahl von historischen Beispielen liegt daher eher auf der Qualität der Arbeiten und bei den heutigen Frauen auf zu Recht erfolgreichen Vertreterinnen ihres Fachs.

Wissenschaftliche Beiträge von
Sabine Bartelsheim, Gerda Breuer, Ute Brüning, Jochen Eisenbrand, Ellen Lupton, Julia Meer, Ada Raev, Bettina Richter, Patrick Rössler, Martha Scotford and Judith Siegmund.
Programmatische Schriften von Paula Scher, Sheila Levrant de Bretteville, Natalia Goncharova, Ellen Lupton, Martha Scotford, Véronique Vienne, Astrid Stavro, Alissa Walker etc.

Interviews mit Irma Boom, Paula Scher, Sheila Levrant de Bretteville, Julia Hoffmann, ›Swiss Miss‹ Tina Roth Eisenberg, Katja M. Becker, Anna Berkenbusch, Heike Grebin, Gisela Grosse, Miriam and Nina Lambert, Iris Utikal and Judith Grieshaber.


Women in Graphic Design/Frauen und Grafik-Design 1890-2012

Gerda Breuer/Julia Meer (Hg.):
Berlin (jovis Verlag) 2012
Flexocover
18 x 23 cm
608 S. mit 554 farb. und s/w Abb.
Deutsch/ Englisch
Euro 42,00 SFr 56,80
ISBN 978-3-86859-153-8